Wie funktioniert Haider?

Er bietet dir und mir an, uns in ihm wiederzuerkennen. Dazu steigt er immer wieder ganz tief herab, macht sich klein wie die kleingemachten Leuten, indem er sich als rundum Verfolgter darstellt. Wie wenige seiner möglichen Wählerinnen und Wähler haben nicht allen Grund, sich als Opfer zu sehen! Wie sollten die ständig wirklich Abgekanzelten, Angeschütteten, Angegriffenen nicht in einem, der sich gekonnt als abgekanzelt, angeschüttet, angegriffen präsentiert, einen ihresgleichen erkennen wollen! Er werde verteufelt, verleumdet, beschimpft, behindert, welche Frau, welcher Mann wird das auf dem Arbeitsmarkt oder auf dem Arbeitslosenmarkt nicht! Immer wieder macht sich Haider in Worten den Menschen gleich, die Anfeindungen, Aggressionen und Attacken ausgesetzt sind. Immer wieder geht er dorthin die Leute abholen, wo sie sind. So selbstverständlich das klingt, was er tut, so einzigartig ist er damit. Kein Vranitzky und keine Petrovic, kein Schüssel und keine Schmidt macht sich so klein. Wenn er sich selbst als Opfer bejammert („Hetzjagd!“, „Freiwild!“, „Hinrichtung!“) so lädt er damit alle wirklichen Opfer ein, mitzukommen. (Das Einladen ist hier nicht unbedingt nur als freundliches Zusichbitten, sondern schon auch wörtlich als das Einladen zum Zwecke des Verfrachtens zu verstehen.) Indem sich Haider als Ausgegrenzter zu den wirklich Ausgegrenzten stellt, bietet er diesen die Möglichkeit, sich neben ihn zu stellen, wo er glänzend sich durchsetzt gegen alle Diffamierungen und Stigmatisierungen. Unsere Schmach ist seine Schmach, sein Erfolg ist unser Erfolg. In einer Schrift der FPÖ heißt es, das „Feindbild Haider“ bedeute „die Stigmatisierung der FPÖ und ihrer Wähler“ (FBW-Information, 5/93).Und Haider selbst, der in irgendeiner Sache der Mitschuld geziehen wurde, sagt in seiner groß in Szene gesetzten Grundsatzerklärung vor 700 Zuhörern in der Wiener Börse: „Nun: Hier wird mir — und ich bin nichts anderes als das Symbol für euch ... Mitschuld unterstellt.“ (7.3.95) Wenn er wie wir ist, sind wir wie er.

Dann ist sein schneller Aufstieg vom Niemand zum Star unserer. Die Haiderwähler und die möglichen Haiderwähler, vom Kapitalismus allesamt in unzählige aussichtslose Konkurrenzen gehetzt, jeder gegen jeden (jung gegen alt, schnell gegen langsam, Männer gegen Frauen, billig gegen teuer usw.), können hier endlich einmal eine Konkurrenz lustvoll erleben, mit dem besseren Ende für sich. Wundert’s dich, daß in einem System, das acht Millionen Franz-Klammer-Fans zu produzieren sich abgemüht hat, jetzt viele auf den „Siegertyp“ Haider abfahren? Hier wie dort haben viele Leute, die nie gewinnen, das Gefühl, gewonnen zu haben, wenn er gewonnen hat. Uns allen ist der kapitalistische Traum, daß „jeder es schaffen kann“, wie ins Hirn implantiert. So gründlich der Alltag mit diesen Flausen aufräumt, Haider, der die FPÖ von ganz unten, von dort, wo die meisten sind, von etwas über zwei Prozent auf etwas über zwanzig Prozent gebracht hat, macht ihn für uns doch noch wahr. Sein Aufstieg vom Schuhmacherbübl zum Eigentümer von 1500 Hektar Privatwäldern hält den Zulauf, den er an Habenichtsen hat, nicht auf. Im Gegenteil. Penthouse-Wohnung und Porsche werden sogar als Beweis gebraucht, daß wir uns wirklich gegen die Widrigkeiten durchgesetzt haben. Als Haider begriffen hat, daß die niedergedrückten Menschen nicht so sein wollen, wie sie sind, sondern groß und stark, hat er die volkstümliche Pfeife, auf die er zuerst gesetzt hat, beiseite gelegt. jetzt inszeniert er sich nicht mehr als den, der so ist, wie die normalen Leute sind, sondern als den, der so ist, wie die normalen Leute sein möchten: mutig, zäh, athletisch. An sich müßte es ein Hindernis sein, den Kämpfer darzustellen, wenn man so klein und schwach gebaut ist wie er. Aber offenbar signalisieren gerade diese Voraussetzungen den kleinen und schwachen Anhängern die Erreichbarkeit des hohen Ziels: Das alles, was sie nie erreichen können, können sie erreichen, wenn sie aufgehen in ihm.