Wer war Wolfgang Pfaundler?

Ein Dummkopf sollte zufrieden sein, bloß seine Zeitgenossen gelangweilt zu haben; er will aber auch noch die künftigen Geschlechter peinigen; er will, daß seine Eselei über das Vergessen triumphiere, das er als Grab hätte benutzen können; er will, daß die Nachwelt darüber informiert sei, daß er gelebt hat, und daß sie auf ewig wisse, er sei ein Dummkopf gewesen.

Montesquieu

Er ist einmal Tiroler Kulturpapst, aber auch sonst kein bemerkenswerter Mann gewesen. Er interessiert uns nicht. Was kümmert uns, daß er das 1971 zugesagte Manuskript für die Neuauflage des Tiroler Jungbürgerbuches immer noch nicht abgeliefert, für die inzwischen von den Beamten redigierten Zwischenauflagen jedoch 1,6 Mio. S kassiert hat. Was soll es, daß bei seiner Bestellung zum Redakteur des ›Fenster‹ ein Monatslohn von 2.900,— Schilling vereinbart, derselbe aber inzwischen auf 24.500,— Schilling angehoben worden ist? Was beschäftigt uns die Story von der Simulation des Sterbenskranken, um diese Anstellung zu erzwingen? Übergehen wir die Geschichten vom angegeben Widerstand, alle diese grauslichen Verdächtigungen von Strangulationen und Genickschüssen, die Mär von den talauswärts schwimmenden Leichen. Lassen wir auch die Andeutung, er habe 1945 seinem Schwager, einem berühmten SS-ler und Berater Adolf Eichmanns, im Ötztaler Widerstand Unterschlupf gewährt, beiseite. Reden wir nicht über seine Rolle in der Entnazifizierungskommission, die serienweise Persilscheine ausgestellt hat. Was beschäftigt uns das? Es rührt uns nicht seine tragende Rolle im Südtirol-Terror. Was nehmen sein Vertrieb von Sprengstoff, seine Anschläge auf Eisenbahnen und Elektroanlagen, seine vorsätzliche Sachbeschädigung (Anklage), was seine Verurteilung zu über 20 Jahren Zuchthaus unsere Aufmerksamkeit in Anspruch? Warum sollten wir auf die ihm nachgesagten Anwerbung von Kämpfern aus der ehemaligen Division Brandenburg (SS-Einheit) für den Südtirol-Terror eingehen? Es ist belanglos wie auch jener Hergang, als er ein Gebiet im Ötztal an ein Schweizer Bankenkonsortium verschachern wollte. Öde ist auch das Gerede darüber, wie er durch die Filmerei des Blochziehens in Fiß zu einer 40.000,— Schilling-Zirmstube gekommen sein soll. Sollen wir uns bei den nicht verstummenden Erzählungen über Bilderverkäufe nach Amerika aufhalten oder bei der Art der Sicherstellung eines Gemäldes aus einer Unterinntaler Kapelle, wie sie kolportiert wird? Wir wollen auch nicht von der Feier seines 50ers in Piburg und ihrem Finanzier reden. Was jucken uns die Geschichten mit dem geplanten Garagenbau in Piburg und den landeshauptmännlichen Interventionen, was die Beschaffung des benötigten Wassergutachtens? Was beschäftigen uns seine vielen Bemühungen um Aufnahme in die Freimaurerloge? Sollen wir uns wirklich mit seiner angeblichen Gepflogenheit befassen, ständig mit Pistole auszugehen? Es interessiert uns auch nicht die rechtswidrige Führung des Adelstitels. Das Stipendium für seine Tochter berührt uns genausowenig wie die vom Innsbrucker Rundfunk-Intendanten befohlene Protektion seines filmenden Sohnes. Was sollen uns seine Geschäfte mit der Sparkasse, mit dem Forum Alpbach und mit dem Kongresshaus aufregen? Warum sollten wir seinen innigen Beziehungen zum ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Hermann Abs, der z.B. 1938 die CA arisiert hat, Beachtung schenken? Was geht uns die ihm nachgesagte Art der Rechnungslegung für Privatvergnügungen an? Was betreffen uns die Geschichten um seine Dissertation und Habilitation? Was schließlich die Intrigen um Dozentur und Professur?

Was soll uns denn das alles interessieren?

Pfaundler ist ein Filme- und Geschäftemacher, der sich die Ware Volkskultur sehr angelegen sein läßt. Seine volkskundlichen Fähigkeiten sprechen Bildbände. Die Bereicherung, die der Tirolensien-Markt durch seine Publikationen erfahren hat, steht in keinem Verhältnis zu der, die er durch jene erfahren hat. Eine Bilderbuch-Karriere! Kritiker und Bewunderer sind sich einig: seine Verdienste sind enorm. Sein Leben läuft ab unter dem Titel „Beziehungen & Bezüge“. Mit Kunst kommt von Kennen hat Peter Santer einmal das Kulturverständnis dieser Sorte Leute auf den Begriff gebracht. Die Katastrophe, die sich im Adelsschnörkel des Foto-Grafs von Pfaundler „von Hadermur“ (ein Ötztaler Murbachl) angekündigt hat, ist prompt eingetroffen.

Es sei wie es sei, es ist so vieles wie es ist. Es ist ja nicht unser Lebensinhalt, uns an aufgeblähten Nullitäten zu wetzen. Er kann nicht schreiben. Na und? Teuffenbach kann auch nicht schreiben. Klier auch nicht. Er ist Redakteur. Na und? Hierdeis ist auch Redakteur. Er nimmt Geld, viel Geld. Auch Pleifer nimmt Geld, viel Geld. Es stimmt, es ist schlechtes und falsches Deutsch, das er schreibt, und es sind harmlose und reizlose Bildanekdoten, die er knipst. Aber eine Diskussion darüber ist in diesem Tirol doch nicht zu führen. Bescheiden wir uns also mit der Geschichte, die vorliegt.

Mitte Mai erscheint Heft 39 der „Tiroler Kulturzeitschrift“ (Untertitel) „das Fenster“. Und keiner merkt es. Doch einer, ein Redakteur der ›Presse‹. Er schreibt am 24. Mai 1986 auf der Kulturseite jenes Blattes:

Homerisches Gebell

Text der Bachmann als Grubenhund im „Fenster“

Die Zeit des Grubenhundes ist längst noch nicht vorbei, und neulich wurde das hämische Tier auch in westlichen Regionen, genauer: in Tirol gesichtet. Noch schleicht es unerkannt umher und ironischerweise entdeckt ausgerechnet das Nachfolgeorgan der einst von ihm so arg heimgesuchten Neuen Freien Presse sein Treiben im Literaturteil der nun im 20. Jahrgang erscheinenden, vom Land Tirol herausgegebenen, von Wolfgang Pfaundler verdienstvoll geleiteten und gestalteten Kulturzeitschrift „Das Fenster“.

Nicht alle ihre Artikel reißen die beileibe nicht nur auf Tirol beschränkte Leserschaft aus eventueller Feierabendbeschaulichkeit, vieles wird — wie in anderen Zeitschriften auch — ungelesen bleiben. Die literarischen Beiträge aber, die sich krampfhaft um die Behauptung einer sogenannten Tiroler Literatur bemühen, scheinen kaum mehr von jemandem gelesen zu werden, nicht einmal vom Redakteur der Halbjahresschrift.

Bisher ist jedenfalls weder Wolfgang Pfaundler noch anderen aufgefallen, daß im neuen Heft 39 die Erzählung „Das Gebell“ von einer gewissen Ingrid Pacher sich unter dem selben Titel Buchstabe für Buchstabe in Ingeborg Bachmanns Erzählungsband „Simultan“ findet, dessen Taschenbuchausgabe, als Schullektüre gefragt, dem Hunderttausendsten entgegengeht. Der kurzlebige Traum von einer Tiroler Weltliteratur ist schon wieder ausgeträumt.

Dabei ist das literarische Quiz, wer immer der übelwollende „Master“ war, durch die beigegebenen Daten der angeblichen Tiroler Autorin Ingrid Pacher — Dissertation über Heidegger, Hörspiele „New York“ und „Orion“ — von nicht sonderlichem Schwierigkeitsgrad. Und dennoch mußte man bereits in dieser Runde ausscheiden.

Hört man schon durch das Tiroler „Fenster“, wie das Gebell der Hunde in Hietzing, von dem in Ingeborg Bachmanns Erzählung die alte Frau Jordan spricht, sich mit dem des Grubenhundes vermischt und zum homerischen Gelächter wandelt - nicht gerade vom umwölkten Olymp herab erschallend, mindestens aber vom Hafelekar?

Otto Hochreiter

Elf Tage später erscheint in o.a. Blatt der Leserbrief jenes Innsbrucker Germanistik-Dozenten, der als Karl Kraus-Bibliograph (!) behauptet, Kraus sei "Herausgeber und alleiniger Autor der satirischen Zeitschrift ›Die Fackel‹ gewesen. Wie soll so einer wissen, was ein Grubenhund ist, wo doch Kraus als dessen Miterfinder gilt?

Der Grubenhund hat nur gekläfft

Als Wolfgang Pfaundler einen ihm unter anderem Namen zugeschickten Text ins Innsbrucker „Fenster“ aufgenommen hat, war damit nur bewiesen, daß er Ingeborg Bachmanns „Simultan“ nicht gelesen hat. Das mag eine Bildungslücke sein — aber ich muß gestehen, daß ich sie mit Pfaundler gemeinsam habe, obwohl ich als Literaturwissenschaftler zur Kenntnis von „Simultan“ eher verpflichtet wäre als der Herausgeber einer Kulturzeitschrift. Und da ich auch für eine Literaturzeitschrift mitverantwortlich bin, hätte mir, der ich leider auch andere wichtige Bücher nicht gelesen habe, das gleiche Mißgeschick unterlaufen können — wie wohl anderen Herausgebern auch.

Die Scherzbolde haben allerdings bewiesen, daß sie nicht wissen, was ein Grubenhund ist: ein Text, dessen Unsinnigkeit nicht auf Grund besonderen Wissens, sondern durch Denkfähigkeit entlarvt werden kann. Der belanglose Nachweis einer zufälligen Wissenslücke ist kein Grubenhund, zumindest kein bellender, sondern höchstens ein kläffender.

Dr. Sigurd Paul Scheichl
Innsbruck / T.

Um den Nachweis zu erbringen, daß ein Grubenhund durch Denkfähigkeit entdeckt werden kann, müßte erst der Nachweis der Denkfähigkeit erbracht werden. Daß die Herren Pfaundler und Scheichl, Redakteur der eine, Herausgeber der andere, nicht wissen, daß eine Ingrid Pacher, die — wie es in den Angaben zur Person am Ende des abgedruckten Textes heißt — in Wien eine Dissertation über die Existentialphilosophie Martin Heideggers geschrieben hat, nur die Ingeborg Bachmann sein kann, die 1949 in Wien eine vor kurzem in Buchform herausgekommene, in den großen Blättern groß besprochene und in den Schaufenstern ausgelegte Doktorarbeit über die Existentialphilosophie Martin Heideggers verfasst hat, legt die Vermutung nahe, daß es sich hier nicht um „Bildungslücken“, sondern um Lücke als Haupterscheinung handelt. Auch die Hörspieltitel „New York, New York“ (Pacher) anstelle von „Der gute Gott von Manhattan“ (Bachmann) und „Orion“ (Pacher) anstelle des Lyrikband-Titels „Anrufung des Großen Bären“ (Bachmann) konnten bei den beiden keine Zweifel wecken. Wo nichts ist, kann nichts geweckt werden. Auch von einem bellenden oder kläffenden Grubenhunde nicht. Horvath: „Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit.“

Die ›Tiroler Tageszeitung‹ bringt am 12.6. auf der Seite, die sie als Kulturseite bezeichnet, das Folgende unter dem Titel

... und eine Literatenentdeckung, die keine ist, im neuen „Fenster“

(...) Mit der Literatur hat es seine eigene Bewandtnis. Nicht jedes Jahr geht ein neuer Stern am Tiroler Dichterhimmel auf. Da greift der vielbeschäftigte Kulturmanager auch einmal nach einer strahlenden Supernova, die sich dann als strahlendes Loch entpuppt: „Das Gebell“ von Dr. Ingrid Pacher ist „Das Gebell“ von Ingeborg Bachmann, erschienen 1972. Die Weltraumkatastrophe entdeckte als erste die österreichische „Tageszeitung“ mit dem großen Format; war sie ihr schon vorher bekannt?

Der Spekulationen also sind viele. Die ›TT‹ verdächtigt einen Kulturredakteur der Beschämung des Professors, von anderer Seite hört man, ein Beamter im Landhaus habe sich das Verdienst der Enttarnung des eitlen Gecks erworben, schließlich hat auch das Gerücht einiges für sich, ein enger Mitarbeiter des Herrn Pfaundler habe ihm jene Grube gegraben, aus der nun das Gebell des Grubenhundes zu vernehmen ist. Wir haben uns auf alle diese Mutmaßungen nicht eingelassen, sondern Frau Ingrid Pacher aufgetrieben. In Wien! Von ihr stammt der folgende Hintergrundbericht.

Vorweg möchte ich sagen, daß Chefredakteur Dr. Pfaundler nicht ›bumms‹ da hineingeplumpst ist, sondern sehr langsam, mit Bedacht, ›mit viel Effet‹ — wie Edi Finger sagen würde. Schließlich hat ihm der Text ›Das Gebell‹ seit Mitte Februar 1985 (!) vorgelegen. Ich hatte ›das Fenster‹ zwei-, dreimal gelesen und die literarischen Beiträge stets äußerst schlecht gefunden. Das schrieb ich auch dem Herrn Professor in meinem Brief, den ich der 10-seitigen Abschrift des Bachmann-Textes beischloß.

(...) Seit meiner Übersiedlung von Tirol nach Wien habe ich ›das Fenster‹ etwas aus den Augen verloren. Die bis dahin in Ihrer Zeitschrift abgedruckte Literatur hat nicht immer den besten Eindruck auf mich gemacht. Möglicherweise hat sich das aber auch inzwischen geändert. Jedenfalls biete ich Ihnen ›Das Gebell‹ für ›das Fenster‹ an.

Lassen Sie mich bitte wissen, wie Ihnen diese Prosa gefällt, und ob Sie meine Arbeit zu veröffentlichen gedenken.

Besten Dank!

In vorzüglichster Hochachtung
Ingrid Pacher e.h.

Der Herr Professor reagierte darauf am 27. Februar 1985 etwas gereizt:

Sehr geehrte Frau Pacher,

ich danke Ihnen für Ihr Manuskript ›Das Gebell‹ obwohl die im ›Fenster‹ abgedruckte Literatur nicht immer den besten Eindruck auf Sie gemacht hat.

Auf mich auch nicht immer, aber manche Beiträge von Hans Haid, H. Rosendorfer., F. Tumler, A. Hotschnig, Zoderer, Mitterer, N. Kaser und einigen anderen manchmal schon.

Bitte darf ich fragen, ob Sie dieses Manus, weil auch Ihr Name photokopiert war, schon anderswohin verschickt haben. Ich darf natürlich (siehe Impressum) nur Erstveröffentlichungen abdrucken.

Vielen Dank für Ihr Vertrauen,

mit vorzüglicher Hochachtung

Wolfgang Pfaundler e.h.

(handschriftlich:) P.S. Habe nach diesem Brief inzwischen das Manus gelesen; es würde mich fürs ›Fenster‹ sehr interessieren

Es ist verwunderlich, daß der Herr Professor dann doch vom Gebot zu Erstdrucken abgegangen ist und ›Das Gebell‹, obschon es bei ›dtv‹ inzwischen im 117. Tausend erschienen ist, im vorliegenden ›Fenster‹ nachgedruckt hat. Ich schrieb ihm am 12. März 1985 zurück.

Sehr geehrter Herr Professor!

Es freut mich sehr, daß Ihnen meine Arbeit gefallen hat.

›Das Gebell‹ habe ich nur Ihnen angeboten. Da ich das reinschriftliche Original ›signiert‹ habe, ist mein Name auch in ihrem Exemplar kopiert.

Eine Veröffentlichung des Textes im ›Fenster‹ wäre eine große Bestätigung für mich.

Herzlichen Dank für Ihr freundliches Schreiben!

(...)

„Eine Veröffentlichung des Textes im ›Fenster‹“, schrieb ich, „wäre eine große Bestätigung für mich“, daß der Chefredakteur dieses Kulturmagazins nicht die blasseste Ahnung von zeitgenössischer, auch nur zeitgenössischer österreichischer Literatur hat, meinte ich.

Im nächsten Brief, am 15. März 1985, erbat Pfaundler biographische Daten und legte einen eigentümlichen, jede halbwegs zart besaitete künstlerische Natur gewiß befremdenden Fragenkatalog vor, von Punkt 1 (Geburtsort) bis Punkt 8 (Veröffentlichungen) mit bis zu vier spezifizierenden Unterabteilungen (a,b,c,d). Der Umgang mit dem Künstler, scheint mir, entspricht hier dem Umgang mit der Kunst. Außerdem drohte er:

In Kürze werden Ihnen meine Korrekturvorschläge mit der Bitte um Ihr Einverständnis zugehen.

Am 23. April 1985 erhielt ich, abgeschickt von ›rauchdruck dr. rudolf erhard‹, eine Kopie des Fragenkatalogs (mit einem überdimensionierten mahnenden „fehlt“ drauf) und eine Kopie des ›Gebell‹-Manuskripts mit den von der Hand des ›Fenster‹-Chefredakteurs (?) vorgenommenen Verbesserungen an der bachmannschen Erzählung. Sie sind nicht gravierend, aber der Grund für die Abweichungen der ›Fenster‹-Version von der vom Piper-Lektorat 1972 genehmigten Fassung.

Ich schrieb am 25. April 1985 an den Herrn Professor:

Entschuldigen Sie bitte, daß ich auf Ihr Schreiben vom 15. März nicht eher geantwortet habe. Ich wollte einerseits die angekündigten Korrekturvorschläge abwarten, war aber andererseits auch etwas verlegen bezüglich des verlangten Lebenslaufes. Ehrlich gesagt, habe ich Ihre acht Punkte sogar ein wenig verdrängt.

Worauf es ankommt, ist doch das Werk. Der Autor hat zurückzutreten hinter das, was er schreibt. Wenn man den Text genau liest, stellt sich, so hoffe ich, doch ein Abbild der Schreiberin ein, das mehr verrät als Jahreszahlen und Ortsnamen. Am liebsten wäre mir überhaupt, wenn auf Personalien ganz verzichtet würde.

Ich wollte natürlich den Grubenhund so wenig wie möglich verbergen. Ich konnte ja nicht gut 1973 gestorben sein. Aber ich blieb in meinen knappen Angaben hautnah an den Klappentext-Daten der Bachmann. Wie sie hatte ich Jus und Philosophie studiert, wie sie hatte ich in Wien über die Existentialphilosophie dissertiert, wie sie hatte ich längere Aufenthalte in Zürich und München und eine Reise in die USA vorzuweisen. „Wenn man den Text genau liest, stellt sich, so hoffe ich, doch ein Abbild der Schreiberin ein“, warnte ich den Tiroler Kulturpapst. Nichts hat sich eingestellt. Abschließend schrieb ich zu den vorgeschlagenen „Verbesserungen“ des Bachmann-Textes:

Die Notwendigkeit der Änderungen sehe ich nicht ein (ausg. S. 7 unten und S. 9 oben), habe aber auch nichts dagegen, wenn Sie als mit der Veröffentlichung von Literatur Vertrauter Änderungen an vorl. Text vornehmen.

Der Herr Professor ließ sich nicht abbringen. Am 2. Mai 1985 schickte er einen neuen Fragebogen mit 6 Punkten von 1. Welche Volksschule sind Sie gegangen? bis 6. Was tun sie beruflich? Dazu schrieb er unter anderem:

(...) Darf ich Ihnen erklären, meine curriculum vitae-Fragen sind nicht bloß eine Marotte, sondern fußen auf 16 Jahren Erfahrung. Es ist im ›Fenster‹ bei einheimischen Autoren noch nie eine Ausnahme gemacht worden. (...)

Es ist ja keine einzige Frage enthalten, die irgendeinen Intimkreis berühren könnte. So bitte ich Sie sehr, so liebenswürdig zu sein und auf dem beiliegenden Blatt die paar Fragen zu beantworten.

Ich freue mich sehr, wenn Ihre Erzählung im ›Fenster‹ erscheinen kann. Mit freundlichem Gruß

Wolfgang Pfaundler e.h.

Ich füllte das Blatt aus und schickte es zurück. Dann hörte ich fast ein halbes Jahr nichts mehr von meinem Entdecker. Am 28. Oktober schrieb er:

Sehr geehrte Frau Doktor Pacher,

die Druckerei Rauch wird Ihnen in nächster Zeit die Fahnen vom ›Gebell‹ schicken.

Bitte besorgen Sie dann so rasch wie möglich die Autorenkorrektur und zeichnen das Manus als druckreif ab.

Mit freundlichem Gruß
Wolfgang Pfaundler e.h.

Keine Druckfahne traf ein, auch keine Erklärung. Nichts mehr. Bis zum heutigen Tag. Ist ja ein gepflegter Umgang mit Autoren. Im Winter-›Fenster‹ suchte ich ›Das Gebell‹ vergeblich. Der Herr Chefredakteur hat damit ein weiteres halbes Jahr Zeit gehabt, seine Maske zu wahren. Da er erstere nicht genützt hat, nützt ihm nun auch letztere nicht mehr. Mitte Mai wars dann soweit, der Grubenhund hatte das Licht der Welt, für die nun einmal viele die Kulturszene halten, erblickt.

Der Herr Professor und ich, wir korrespondieren ja nun nicht mehr miteinander, unsere Brieffreundschaft ist zerbrochen. So möchte ich ihm von dieser Stelle aus einen Vorschlag zur Lösung der Honorarfrage machen, sollte nicht von Seiten des Rechteinhabers an den Bachmann-Werken eine Einklagung erfolgen. Nehmen Sie das Autorenhonorar für das ›Gebell‹ als Trostpflaster für die schrecklichen Umstände, die Ihnen das es verursachende Viech macht, und schaffen Sie sich Bücher wie „Kleiner Abriß der österreichischen Literatur seit 1945“ und „Einführung in das erzählerische Werk Ingeborg Bachmanns“ (Taschenbuch) an. Eine zweite Möglichkeit der Verwendung des Ihnen eigentlich ja nicht zustehenden Abdruckhonorars, so not Ihnen o.a. Nutzung täte, wäre die Überweisung an den in Wien ansässigen ›Verein für die Verbreitung der Kenntnisse über die österreichische Literatur‹ — die Bankverbindung können Sie dort erfahren —, dabei hat vielleicht jemand etwas davon, bei dem der Aufwand sich noch lohnt.

Ingrid Pacher

Anm.: Kopie des Briefwechsels liegt in der Redaktion auf.