Hitler

Je rasender Haider dem ständig gezogenen einfältigen Vergleich mit Hitler durch trendiges Styling zu entfliehen sucht, desto ähn­licher wird er ihm. Ganz einfach, weil auch jener die Speerspitze des brutalen Kapitalismus gewesen ist. Uns erscheint die NSDAP von 1933 entsetzlich gestrig. Aber sie war zu ihrer Zeit furchtbar modern, selbst die braunen Maßuniformen waren todschick. Ich sage nicht: Haider imitiert Hitler; ich sage sogar: Haider imitiert Hitler nicht, sondern: er schöpft aus der gleichen Quelle wie jener. Hitler war der erste Politiker, der seine Wahlkampfreisen mit dem Flugzeug unternahm und das natürlich propagandistisch ausschlachtete. Übrigens bediente auch er sich hemmungslos links und rechts, vor allem links: Der Arbeiterbewegung stahl er von der roten Farbe ihrer Fahnen und Plakate angefangen über Melodien von Arbeiterliedern und Losungen bis hin zur Organisation von Demonstrationszügen und selbst zum 1. Mai alles mögliche, um die Arbeiterschaft zu betören. Hitler: „Ich habe vom Marxismus viel gelernt. Ich gestehe das ohne weiteres ein. Nicht etwa von dieser langweiligen Gesellschaftslehre und materialistischen Geschichtsauffassung, von diesem absurden Zeug von ‚Grenznutzenlehre‘ und dergleichen. Aber von ihren Methoden habe ich gelernt. (...) Der ganze Nationalsozialismus steckt da drin. Sehen Sie nur genauer zu. Arbeiterturnvereine, Betriebszellen, Massenaufmärsche, Propagandaschriften eigens für das Verständnis der Masse verfaßt; alle diese neuen Mittel gehen ja im wesentlichen auf die Marxisten zurück. Ich brauchte nur diese Mittel zu übernehmen und zu entwickeln, und hatte im wesentlichen, was uns nottat.“

Es ist wie bei einem Schwamm. Am meisten kann ein vollkommen leerer aufsaugen.

Darum griffen die Nazis auch so gierig nach den neuen Propagandatechniken. Moderner als sie mit ihrem Einsatz der Fotografie, des Films, des Rundfunks schienen, konnte man damals nicht scheinen. Bereits im Wahlkampf 1932 kamen neben sozialistischen Wahlkampfformen vor allem am Warenmarkt erprobte amerikanische Reklametechniken zur Anwendung. Mit ihren Zeitungssonderausgaben in Riesenauflagen, Fotoserien, Werbefilmen und sogar Schallplatten mit Hitlerreden waren sie die eifrigsten Propagandisten des kapitalistischen Fortschritts. „Ich bin“, erklärte A. Hitler 1942, „ich sage es ganz offen, ein Narr der Technik. Immer ist der in der Vorhand, welcher mit verblüffenderen technischen Neuerungen kommt.“ Angesichts des so mondänen Silvio Berlusconi darf man sich auch daran erinnern, wie zeitgeistig die italienischen Faschisten waren. Ihre geistigen Vorläufer, die Futuristen, haben den kapitalistischen Fortschritt in Form von Bombenflugzeugen und Kanonen geradezu angebetet.

Auch den Haider haben die Verhältnisse, lange bevor er dazu hätte kommen können, sie in seinem Sinne zu verändern, in ihrem Sinne verändert. Er ist heute Prophet und Profiteur des Zeitgeistes in einem. Jede Haider-Propaganda ist in der Form und im Inhalt eine Propaganda für den kapitalistischen Fortschritt, der wie der Fortschritt einer Lawine ist, die sich vorwärtswälzt. So ist er z.B. mit seinem ausgewiesenen Wahlkampftermin „23.30 Discotour in Imst (open end)“ Nachbeter und Vorbeter des Trends zugleich. Wenn die Kärntner FPÖ einen sogenannten dreitägigen „Erlebnisparteitag“ (Zelte, Mozart, Jugend-Tenne, Haider-Gala) abführt, ist schon sehr die Frage, ob die FPÖ diese „ganz nach amerikanischem Muster organisierte Veranstaltung“ (Standard, 14.10.89) bringt oder nicht vielmehr die FPÖ selber von dieser Veranstaltung gebracht wird. Im Wahlkampf 1994 tourt Haider mit einer Riesenbühne durchs Land, die ganz augenfällig den Studioaufbauten der großen Samstagabend-TV-Shows nachgebastelt ist. Mit seinem Stargastgetue lehnt sich das Spektakel auch inhaltlich so stark an das Vorbild an, daß die Kulisse wackelt. Als käme Michael Jackson zu Thomas Gottschalk. „Der Entzückensschrei des Moderators, der mit überschlagender Stimme um ‚ungeteilte Aufmerksamkeit‘ bittet, geht im Beifallsturm unter, als sich die Kulisse öffnet und Jörg Haider die Stufen herabspringt.“ (Kleine Zeitung, 12.9.94)

Wir nehmen so stark Bezug auf den brillanten FPÖ-Wahlkampf von 1994, weil der im Gegensatz zum kläglich zusammengeschusterten von 1995 erahnen läßt, was uns im wieder bis ins letzte Detail vorgeplanten nächsten erwarten wird.