Heimisch an unseren Stauseen

Chronologie der ausländischen Beteiligungen an Tiroler Kraftwerken

Am Bau des K r a f t w e r k s P r u t z / I m s t (1953-1956) beteiligte sich die Bayernwerk AG (BAG), die bereits am Achenseewerk seit 1926 Bezugsrechte besitzt. Sie bekommt dafür Strom aus Tirol. „ln jüngster Zeit ist die elektrizitätswirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Österreich und der Deutschen Bundesrepublik immer mehr ausgedehnt und vertieft worden. So hat zum Beispiel die Bayernwerk AG. durch finanzielle Unterstützung der TIWAG in Form einer Strompreisvorauszahlung den Bau des lnnkraftwerkes bei lmst mit 90 MW installierter Leistung ermöglicht und erhält dafür auf lange Sicht die gesamte Stromerzeugung im Sommer und einen Teil derselben im Winter“ (R. Stauder, „Die Einordnung der österreichischen in die europäische Elektrizitätswirtschaft“, Diss., Innsbruck, 1958)

Für das K a u n e r t a l k r a f t w e r k (gebaut 1961-1966) wurde von der TIWAG mit der Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke AG (RWE) und der Bayernwerk AG ein Stromlieferungs- und Finanzierungsvertrag abgeschlossen, der den beiden deutschen Gesellschaften „ein Bezugsrecht von zwei Dritteln der verfügbaren Leistung und Jahresarbeit auf Vertragsdauer und darüberhinaus vom restlichen Drittel die den Bedarf der Tiroler Landesversorgung übersteigenden Leistungen und Arbeitsmengen zur Verfügung stellt. Die deutschen Partner sind dagegen verpflichtet, zwei Drittel des für den Ausbau der Kraftwerksanlage erforderlichen Baukapitals zu beschaffen.“ („Neues Österreich“, 14. Oktober 1961) 1985 erhielten RWE und BAG von den im Kaunertal erzeugten 657,7 Millionen kWh genau 510 Millionen kWh, das sind 77 Prozent!

Heimisch an unseren Stauseen:
Rheinisch- Westfälische Elektrizitätswerke, Bayernwerk, Energieversorgung Schwaben

Die T a u e r n k r a f t w e r k e AG, der — anstatt den Zillertalern — die Kraftwerke im Zillertal gehören, hat gegen Mitfinanzierung die Energieversorgung Schwaben (EVS) an der Errichtung der Kraftwerke Zemm und Zillergründl (1965 – 1987) beteiligt, die dafür bis ins Jahr 2002 die Hälfte des dort erzeugten Stroms erhält. Der Rechnungshof hat nachträglich festgestellt, dass der von der EVS geleistete Baukostenzuschuss von 4,8 Milliarden Schilling um 1,5 bis 2 Milliarden Schilling zu niedrig ausgefallen ist, d.h. von dem den Schwaben zufallenden Teil haben sie nur ca. 70 Prozent auch bezahlen müssen.

Den im K r a f t w e r k S e i l r a i n - S i l z (errichtet zwischen 1977 und 1981) erzeugten Strom sicherten sich zur Gänze die Energieversorgung Schwaben und die Bayernwerk AG, und zwar zur Hälfte als Bezugstrom und zur Hälfte als Tauschstrom. Von den 1985 in Sellrain Silz produzierten 665,9 Millionen kWh sind 665,9 Millionen kWh nach Deutschland abtransportiert worden. Die TIWAG gibt in die Zeitung, wir erhielten für den abgegebenen Spitzenstrom im Tauschwege von BAG und EVS ein Mehrfaches an Bandstrom. Erstens gilt dies für jene Hälfte nicht, die den deutschen E-Gesellschaften vertraglich zusteht (Bezugsrechte), und zweitens gilt dies auch für die Hälfte vom exportierten ’Tauschstrom’ nicht, der an die EVS geht. „Kurz vor der Vertragsunterzeichnung 1977 stellte sich heraus, dass die EVS keinen Grundlaststrom zum Tausch zur Verfügung hat. Der Vertrag wurde daraufhin in einen fünfzehnjährigen Vertrag umgemodelt, wonach die EVS in den ersten acht Jahren den bezogenen Strom bezahlt und ab dem achten, spätestens jedoch ab dem zehnten Jahr eine Rückwandlung in einen Tauschvertrag erfolgen soll.“ („Die Presse“, 9. Februar 1981) Und so kamen für die 1985 von Sellrain-Silz in die BRD gelieferten 665,9 Millionen kWh Spitzenstrom ganze 267,2 Millionen kWh Bandstrom nach Tirol herein. Fürwahr ein grandioses Geschäft. Aber nicht für Tirol.

Die Festbroschüre zur Inbetriebnahme des neuen Kraftwerks hieß diesen Tatsachen zum Trotz „TIWAG — Strom für Tirol — Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz“ und hatte die folgenden Leitsätze vorangestellt: „Die Tiroler Wasserkraftwerke Aktiengesellschaft (TIWAG) ist als Landesgesellschaft für Tirol gesetzlich verpflichtet, die Allgemeinversorgung Tirols mit elektrischer Energie sicherzustellen. Diesem Ziel entsprechend wurde die Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz gebaut.“

„1922 hat sich Deutschland erstmals bei einer österreichischen Kraftwerksgruppe eingekauft. Seither liefert die Alpenrepublik Strom in die Bundesrepublik. Die Zahl solcher Beteiligungen nimmt immer noch zu. Spätestens in einem Jahr; wenn die Tiroler Zemm–Zillergruppe ihren Vollbetrieb aufnimmt, ist mindestens ein Viertel der österreichischen Wasserkraftwerks-Kapazität fest in deutscher Hand.“ („Süddeutsche Zeitung“, 31. Juli 1986) Von der Tiroler Wasserkraftwerks-Kapazität ist freilich wesentlich mehr in deutscher Hand.

Wo die Macht wohnt

Die TIWAG ist in allen diesen Beteiligungsgesellschaften der kleinste Partner, der Türschnallendrücker sozusagen für die deutschen Stromgiganten, die sich hier umtun. Die Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerke AG beispielsweise ist die absolute Nummer 1 unter den Energiekonzernen der Bundesrepublik. Sie allein versorgt 20 Prozent der Stromverbraucher und speist zu 39 Prozent das öffentliche Netz der BRD. Damit gehört sie zu den zehn größten Unternehmen Deutschlands. Entsprechend ist auch der Umgang der RWE mit ihren österreichischen Partnern. Sie bestimmen Preise und Konditionen. So wird den Vorarlberger Illwerken seit Jahren der den kalkulatorischen Kosten (!) entsprechende Preis für den an RWE und EVS gelieferten Strom verweigert. Die EVS (Energieversorgung Schwaben) ist übrigens der zweitgrößte Stromproduzent Deutschlands. Die regionalen Energie-Monopole sind außerdem aufs innigste untereinander verflochten, was Separatabkommen einer österreichischen Gesellschaft mit dem einen oder anderen Unternehmen aus der BRD unmöglich macht. Die Bayernwerk AG und die Rheinisch- Westfälische Elektrizitätsgesellschaft AG, an buchstäblich allen TIWAG- Kraftwerken beteiligt, siehe oben, betreiben gemeinsam unter anderem die Kernkraftwerke in Grundremmingen und die Isar-Amperwerke. (Die AKW-Betreiber RWE, EVS und BAG haben auch die mit ihnen vertraglich verbundenen hiesigen Elektrizitätsgesellschaften bezüglich der Errichtung eines österreichischen Atomkraftwerks unter Druck gesetzt. Es ist für sie schlicht Geschäftsstörung, dass ein Volk vor ihrer Haustür ohne Atomenergie auskommen will.)

Die enge Verknüpfung der wirtschaftlichen Macht mit der politischen zeigt das Beispiel der Bayernwerk AG (BAG). Im Aufsichtsrat der BAG sitzen der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß sowie die Staatsminister für Finanzen, Streibl, und für Wirtschaft, Jaumann, der sinnigerweise übrigens als solcher auch die Oberaufsicht über den Aufsichtsrat hat. Diese Zusammensetzung der BAB-Führung verbessert auch nicht gerade die Verhandlungsposition der TIWAG, die ein den bayerischen Interessen in allen Fragen gefügiger Landeshauptmann anführt.

Vom Tauschen und vom Täuschen

Jeden Tag schicken sie uns eine Zeitung, in der unsere Exporterlöse bejubelt und unsere Tauschgeschäfte gefeiert werden. Von wegen Exporterlösen: An dem ins Ausland abgegeben Strom macht der reine Export, der gegen Bezahlung erfolgt, österreichweit nur 14 Prozent aus. Von wegen großen Tauschgeschäften:

Zeichnung: Robert Wachter & Co.

An dem ins Ausland abgegeben Strom macht der im Tauschwege exportierte österreichweit ganze 17 Prozent aus. Auf Tirol bezogen sind die Werte noch wesentlich geringer. Aber die Lieferungen aufgrund von Beteiligungen und Bezugsrechten machen österreichweit satte 63 Prozent des ins Ausland abgegeben Stroms aus. Auf Tirol bezogen ist dieser Wert noch wesentlich höher.

Das Tauschverhältnis von hochwertigem exportierten Spitzenstrom zu importierten Grundlaststrom ist nicht 1:4, wie man uns vorlügt, ja, nicht einmal 1:2. Unsere Exportstrom-Kraftwerke laufen pro Tag ca. vier bis fünf Stunden, jeweils ganz kurze Zeit zu den Verbrauchsspitzen am Morgen, zu Mittag und am Abend, und kommen somit auf eine Jahresbetriebszeit von ca. 1500 Stunden. Laufkraftwerke, Kalorische Kraftwerke, Atomkraftwerke aber laufen 5.000 bis 6.000 Stunden pro Jahr. Die in Tirol erzeugten Jahreskilowatt-Stunden, könnte man sagen, sind daher etwa viermal so teuer. Wir aber bekommen für den aus Sellrain-Silz an die BAG gelieferten 166 Millionen kWh Spitzenstrom gerade 267,2 Millionen kWh Grundlaststrom. Dieser fließt vornehmlich in der Nacht, wo wir uns ganz gut selber versorgen könnten, nach Tirol herein. Da pumpen wir dann auch mit BAG-Strom das Wasser wieder in den oberen Speicher hinauf, um es am nächsten Tag wieder für die BAG herunterzulassen. Die Bayernwerk AG muss zur Ausnützung der Kapazität ihrer Atom- und kalorischen Kraftwerke Tag und Nacht durchfahren und hat daher in den Nachtstunden einen Überfluss an elektrischer Energie. Einen Teil dieses Überflusses nimmt nun das Tiroler Netz auf. So ist das. Dafür muss die TIWAG anteilsmäßig Brennstoffkosten (Brennstäbe) und Entsorgungskosten (Atommüll) übernehmen und wird solchermaßen auch gleich an die Atomkraftwerkspolitik-Kandare genommen.

Speicherkraftwerke wie das Kaunertalkraftwerk, wie das Kraftwerk Sellrain-Silz, wie die Kraftwerke im Zillertal können binnen weniger Minuten mit voller Leistung fahren. Daraus erklärt sich das große Interesse der Energiekonzerne der BRD an diesen Stromfabriken. Deren schnell mobilisierbare Reserve sichert nämlich die auf höchster Stufe laufende Industrie in der BRD gegen eventuelle Zusammenbrüche ab. „Da Strom eine hoch verderbliche Ware ist, die in dem Moment erzeugt werden muss, in dem sie verbraucht wird, muss der Ausfall eines 1300-Megawatt-Klotzes sekundenschnell abgefangen werden. Die sogenannte Sekundenreserve übernimmt das Hochspannungsnetz. Seine Kapazität wird durch einen Ausfall dieser Größenordnung aber fast vollständig aufgebraucht. Sofort muss daher die Minutenreserve angeworfen werden, damit das notwendige Sicherheitspolster wiederhergestellt wird.“ (N. Eckhardt, „Die Stromdiktatur“, Hamburg, 1985)

Tirol stellt also auch die Risikokapazität dafür, dass die bundesdeutschen Elektrizitätsgiganten RWE, EVS und BAG ihr Netz auf Vollast fahren können und die die österreichische Industrie zu Tode konkurrierende bundesdeutsche auf vollen Touren laufen kann.