Haider hätte recht

Wenn der Arbeiter Josef H. (44) sagt, wir haben in Österreich „scheindemokratische Macht- und Herrschaftsverhältnisse“, hat er recht. Wenn J. Haider (44) das sagt (Wiener Erklärung, 1992), hat er nicht recht. Es stimmt, wenn Josef H. kritisiert, daß „die freigestellten Zentralbetriebsräte vom Range Ruhaltingers ihre Politik auf Kosten der Steuerzahler machen“, aber nicht, wenn es J. Haider tut (14.9.1986). Wenn der feststellt, wir haben in Österreich „ein verfilztes und korruptes System“ (TT 10.2.89), so ist das erlogen, wenn das aber so jemand wie der Arbeiter Josef H. formuliert, dann ist es wahr. Die Empörung der Menschen über die Zustände ist berechtigt, Haiders dahinterhergebrüllte nicht. Wenn es richtig ist, daß „in Wirklichkeit die Demokratie seitens der großen Koalition mit Füßen getreten wird“, dann ist es falsch, wenn es Haider sagt (FP-Pressedienst, 1.5.94). Nicht einmal wenn es Schusterbuben regnet, trifft es zu, wenn er sagt, es regne!

Bloß weil vieles von dem, was stimmt, von Haider gesagt wird, glauben schon viele, es stimme nicht. Ein mechanischer Anti-Haider-Reflex jagt viele Menschen in die falsche Richtung, siehe EU-Abstimmung. Wenn Haider sagt, ÖVP und SPÖ sind „Lizenzparteien, die von den Besatzungsmächten zugelassen, aber nie von der Bevölkerung gegründet wurden“ (Basta, 3193), so ist das weit richtiger als das Gegenteil. Wenn Haider sagt, „die AK dient auf Arbeiterkosten als Selbstbedienungsladen für ihre Funktionäre“ (FP-Anzeige, TT, 24.9.94), so enthält diese Beschreibung mehr Wahrheit als alles, was Vranitzky zum Thema Arbeiterkammer je von sich gegeben hat. „Die Sozialpartnerschaft ist eine Sozialpackelei.“ Punkt. Auf solche Angriffe Haiders (Standard, 24.11.93) können wir nicht mit Verteidigung des Nichtverteidigbaren reagieren. Haiders Schlechtigkeit zum Thema zu machen, heißt den anderen zu schmeicheln. Die Wörter „Apparatschiks, Neureiche und Parvenus in Parteien, Kammern und Gewerkschaften“ haben schon recht, nur der, der sie sagt (Wiener Erklärung, 1992), hat auch mit den richtigen Wörtern im Mund nicht recht. Mit seiner Kritik am „System der Schacherdemokratie“ (Neue Freie Zeitung, 5.2.90) genausowenig wie die Josef Cap, Erhard Busek und Friedhelm Frischenschlager, die sich als Retter der Demokratie vor Haider präsentieren. Wenn Haider davon spricht, „die Demokratie zu erneuern“, so ist das genauso degoutant, wie wenn Vranitzky postwendend „krasses Infragestellen der österreichischen Demokratie“ durch Haider feststellt (Presse, 31.8.94). Dem Bundeskanzler ist nicht zu glauben, auch wenn er bloß „Guten Morgen“ sagt. Wenn die 87jährige Antifaschistin Rosa Willner beklagt, die ÖVP habe „in ihrem Parlaments-Fraktionszimmer ganz offiziell ein Bild des Bundeskanzlers Dollfuß hängen“, so ist das die schaurige Wahrheit. Wenn Haider das sagt (Südd. Zeitung, 28.9.91) ist es eine schaurige Verspottung der schaurigen Wahrheit. Wenn es zigtausend Mal stimmt, daß die Frauen in der Industrie „für Schandlöhne von zum Teil nicht einmal 10.000 Schilling hart arbeiten“, so ist es doch das eine Mal falsch, wo es Haider sagt (Die Freiheit, die ich meine, 1994). Haiders Aussage über die SOS-Mitmensch-Partie — „die stehen am Golfplatz herum mit dem Sektglas in der Hand, wohnen in Villenvierteln und laden sich gegenseitig zu Parties ein“ (News, 26.11.92) — wäre richtig, wenn es nicht die Aussage Haiders wäre.

FÖHN-Dokument: Blick in FP-Mitgliederliste
(Neuzugänge Okt. 1992)

Ein vom Volk selbst regiertes Österreich bräuchte wirklich keinen Staatsvertrag und kein Anschlußverbot (Haider, TT 14.9.90). Aber ein von jenen Hintermännern bestimmtes, deren Vordermänner Vranitzky, Mock und Haider sind, unbedingt. Österreichs Neutralität ist in der Tat mehr als fragwürdig (Haider, TT, 14.9.90) angesichts des Kampfes der imperialistischen Staaten gegen die Hungerländer, aber verglichen mit der angestrebten Alternative, an der Seite der Reichen gegen die Armen zu kämpfen, müssen wir sie verteidigen.

Es ist wahr, diese Arbeiterkammer gehört zerschlagen, auch wenn Haider lügt, sie gehöre zerschlagen. Obwohl Haider fälschlicherweise den ÖGB wegputzen will, muß dieser ÖGB richtigerweise weggeputzt werden. So schwierig ist das!

Haider hat nie recht. Wenn er sagt, „die Sozialversicherungsanstalten sind ein Funktionärsparadies“ (FP-Pressedienst, 29.1.87), so tut er das deswegen, weil gerade nicht das, sondern etwas ganz anderes das Problem ist.

Haider hätte oft recht. Aber er hat es nie.