Die Leserbrief-Trupps

Die Leserbrief-Rubriken in den Zeitungen, das sind die Räusper-Ecken der Bevölkerung. Hierhin kann sie, weit hinter alle Schlagzeilen, Leitartikel, Wirtschaftsseiten, auf denen schon alles ausgemacht ist, zwischen Kreuzworträtsel und Fortsetzungsroman hinein, sich aushüsteln gehn. Weil aber dies (neben dem Kästchen mit den Lotto-Zahlen vom Vortag) der Ort ist, wo die Zeitungen ihren allerletzten Rest von Glaubwürdigkeit bewahrt haben, ist es mit dieser auch schon wieder vorbei. Noch auf dieses klitzekleine Ventil der Beherrschten ist der Begehr der Herrschenden gerichtet! Lange vor der Volksabstimmung gab es z.B. auf einer Leserbriefseite der Tiroler Tageszeitung sieben Zuschriften zum Thema EG-Beitritt. Wie so oft wurde ein solcher in allen entschieden abgelehnt. Als einmal eine ganze Seite mit EG-Leserbriefen erschien, die ohne Ausnahme EG-kritisch waren, mußte der Chefredakteur dem Vorwurf der Manipulation entgegentreten: „Ich kann Ihnen versichern, daß dem keineswegs so war. Uns lagen zum Zeitpunkt, als die Seite produziert wurde, keine positiven EG-Leserbriefe vor.“ (TT, 7.8.93) Also mußten positive Leserbriefe her! Schon 1978, vor der Volksabstimmung über Zwentendorf, hatte die Atom-Lobby (angeführt von den Herren Kienzl, Krejci und Wolfsberger, die wir in diesem Heft noch ein paarmal treffen werden) im Konzept ihrer Kampagne stehen: „Ein großes Gewicht wird der Beantwortung von Leserbriefen in Zeitungen zukommen. Die Mitglieder sind gebeten, Anfragen des Komiteesekretariats umgehend zu beantworten.“ Und auffällig mehrten sich auch beim EU-Referendum, je näher es rückte, die Leserbriefe von Leuten, die ihre Begeisterung über einen Beitritt nicht zurückhalten konnten. Durch die Auswahl der Zuschriften, das Verhältnis der abgedruckten zustimmenden zu den abgedruckten ablehnenden, die Art ihrer Zusammenkürzung, ihrer Aufmachung und Plazierung ist es jeder Redaktion jederzeit möglich, das Match umzudrehen. In der Ausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Vortag der Volksabstimmung war mit fünf nach dem Beitritt rufenden Leserbriefen gegen zwei einen solchen ablehnenden das Gewicht so verteilt, wie es das Komplott vorgesehen hatte. Drei dieser fünf Zuschriften stammen von Leuten, die nicht oder vielleicht unter ganz anderen Namen im Telefonbuch stehen. Der vierte, 122 Druckzeilen lang, stammt von einer Hausfrau, die auch im Rahmen der „Tirol für Europa“-Kampagne der Tiroler Industriellenvereinigung mit Foto und einer „Ich bin für einen Beitritt ...“-Sprechblase engagiert war. Der fünfte kommt vom Privatmann Richard Seeber, der — wieviele Leser wissen es? — zu dieser Zeit Chef der EU-Abteilung der Wirtschaftskammer Tirol ist. Die, die ohnedies im Politikteil und im Lokalteil und im Wirtschaftsteil und im Gesellschaftsteil und im Inseratenteil ununterbrochen zu Wort kommen, haben es höchst notwendig, das Ansehen der Leserbrief-Ecke als Ort der unverfälschten, freien Meinung zu mißbrauchen. Nicht einmal dieses eine kleine Fleckchen kann die Propaganda herlassen. Wenn ein TT-Leser „Herbert Tolloy, Igls“ seine Meinung kundtut, der „EU-Beitritt brächte 50.000 Arbeitsplätze“ (22.2.94), ist es die der Sektion Industrie in der Wirtschaftskammer Tirol, deren Leiter er ist. Wenn in den Oberösterreichischen Nachrichten für einen Leserbriefschreiber „René Sigl, Wien“ die EU das österreichische Transitproblem löst, dann handelt es sich bei ihm in Wahrheit um den PR-Chef der Industriellenvereinigung. Und wenn in der Kleinen Zeitung irgendein „Alfred Puff, Klagenfurt“ „Ja zu Europa“ sagt (11.6.94), dann ist es der Leiter des EU-Referats der Wirtschaftskammer Kärnten. Natürlich wissen das die zuständigen Zeitungsmacher und spielen ihre Rolle im Spiel, das gespielt wird. Kein Wunder, daß der für die Leserbriefe in der Tiroler Tageszeitung zuständige Redakteur fünf Wochen vor der Abstimmung von der Bundeswirtschaftskammer mit deren Europamedaille ausgezeichnet werden konnte. Noch und noch hatte er ihrem Standpunkt in der Form von scheinbar unbefangenen Meinungsäußerungen ihres Herrn Seeber (über EU und Neutralität, EU und Transit, EU und Wirtschaftsaufschwung, EU und Arbeitsplätze, EU und Bauern usw.) Platz auf der Leserbriefseite eingeräumt.

„Eine der effektivsten, weil meist gelesenen Rubriken, sind die Leserbriefspalten der Tages- und Wochenzeitungen. Seit Wochen schon ist das dominante Thema der EU-Beitritt.“, schreibt der Botschafter der EU in Österreich, C. Pirzio-Biroli, einige Wochen vor der Volksabstimmung in einem „Vermerk an alle Mitarbeiter“. „Dabei ist bei nahezu allen Zeitungen ein Überwiegen negativer Leserstimmen zu konstatieren (vor allem TT, SN, Kleine, OÖN, Kurier ...). Deshalb würde ich private positive Leserbriefe der Kollegen, wie z.B. schon von J. Sollgruber (Kleine) und A. Rothacher (SN) geschehen, nachdrücklich begrüßen. Bitte benützen Sie privates Briefpapier und vermeiden Sie Bezüge auf Ihren Dienstgeber, damit bei Ihrer persönlichen Meinungsäußerung keine Mißverständnisse entstehen. Bitte ermutigen Sie auch Ihre Verwandten und Freunde.“

Einen der vielen privaten Leserbriefschreiber wollen wir uns im folgenden näher ansehen. Immer wieder erscheinen in den verschiedensten Zeitungen Zuschriften eines Dir. Gottfried Pratschke aus Wien. Meistens wütende gegen „Anti-Atom-Irre“, „Kraftwerksblockierer“, „Au-Gurus“, „Öko-Marxisten“ usw., „für vermehrten Einsatz elektrischer Energie“, oft auch fanatische in Sachen EU oder NATO. Hinter dem Namen des Leserbriefschreibers steht ein Apparat, der sich „Freunde des Stromes“ nennt und nach eigenen Angaben vor allem mit „koordinierten Leserbriefaktivitäten“ „österreichweite Informationsarbeit“ macht. Insgeheim ist man stolz auf die „ausgezeichneten Kontakte zur E-Wirtschaft“, die „stillschweigend Rechnungen für Porto, Material und Drucke teilweise ersetzt. (Zahlungen vom Verbund kommen erst nach 30 bis 60 Tagen.)“ Die Gruppe um G. Pratschke besteht aus Leuten, die sich auch besonders „für ein Ja zum EU-Beitritt einsetzten, und dies erwiesenermaßen sehr effizient“, „aufgrund jahrelanger Erfahrung in der PR-Arbeit“ vor allem mit „österreichweit koordinierten Fax- und Leserbriefkampagnen“. „Selbstredend waren unsere Texte auch eine Anregung für uns nahestehende Redakteure. Dadurch erhielten unsere messages eine Breitenwirkung, wie sie mit üblichen Werbemitteln nur durch einen Millioneneinsatz erreicht werden könnte, vermutlich überhaupt nicht.“ „Unser Kapitaleinsatz beschränkte sich (für Material, Porto, Drucke und auch Faxe) auf etwas mehr als S 32.000,— Da einer unserer Vorstandsmitglieder (Herr Oswalt Ristl) gute Beziehungen zum ehemaligen Generaldirektor der Siemens AG Österreich (Dr. Wolfsberger) hatte, erhielten wir von der Industriellenvereiniung davon S 15.000,— gegen Vorlage an Rechnungen ersetzt.“ (Sämtliche Zitate stammen aus einer treuherzigen Mitteilung Pratschkes vom 12.9.96 an den FÖHN.)

So haben die Herrschenden also auch noch diese letzte Lücke in ihrem Meinungsdiktat geschlossen. Aus einem Instrument von unten wurde eines gegen unten. Seitdem stinkt es im Leserbrief-Eck genauso wie an jedem anderen Ort in der Zeitung. Die bleibende Leistung der Herren Auftraggeber ist, daß die Glaubwürdigkeit aller, die uns aus diesem Winkel etwas zurufen, untergraben ist. Jeder, auch der aufrichtigste Schreiber, steht jetzt im Geruch, vielleicht ein Büttel der Geldsäcke zu sein.

Leserbriefmaschine Pratschke: Ein und derselbe EU-Leserbrief in mehreren Zeitungen (Auswahl)

Ein wesentlicher Kniff, um eine zählbare Mehrheit herstellen zu können, ist es, den Eindruck zu erwecken, daß eine solche bereits besteht. Zu diesem Zwecke mußte das Verhältnis der den EU-Anschluß ablehnenden zu den ihm zustimmenden Leser-Reaktionen einfach gefälscht werden, d.h. von Hand umgedreht. Aufgrund seiner Verziehung neigt ein großer Bevölkerungsteil stets dazu, sich der Mehrheitsmeinung anzuschließen. Auch gegen seine eigene Überzeugung. In einem psychologischen Test wurde einer Gruppe von zwanzig Leuten ein Blatt Papier vorgelegt, mit einer geraden Linie darauf. Die Frage an die Gruppe war, ob die Linie gerade oder gebogen sei. Fünfzehn von diesen Leuten waren von den Testern beauftragt worden, darauf zu bestehen, daß die Linie eine gebogene sei. Von den nicht abgerichteten restlichen fünf Personen sahen daraufhin drei auch eine gebogene, eine Person konnte sich nicht entscheiden und nur eine einzige war in der Lage, dabeizubleiben: Die Linie ist gerade.