Die Inszenierung

Was er aus den tiefsten Tiefen seiner ramponierten Psyche herausholt (im wahrsten Sinn des Wortes notgedrungen), ist seine einzige originale Zutat zur gegenwärtigen Attraktion Haider. Der ganze große Rest ist geliehen und gestohlen. Davon handelt der folgende Abschnitt.

Haider haßt den Haider, der er ist. Mit dem will er nichts zu tun haben. Damit er an den nicht ständig erinnert wird, wenn er in den Spiegel schaut, hat er dem ein fremdes Gebiß einbauen lassen. Um körperlich über ihn hinauszuwachsen, geht er regelmäßig ins Fitness-Zentrum. Schaut ihn euch an, wie er sich vor sich versteckt! Es sind das Identitätsprobleme, wie sie unter dem Kapitalismus viele Menschen haben. Sie sind dazu verdammt, sich aus den hungerten Versatzstücken, die der Markt bereit hält, ein Wunschbild von sich („Ihre Haut sieht jünger aus!“, „Natürlich ist das meine Haarfarbe!“) zusammenzubasteln. Der vor sich selber auf der Flucht ist, braucht ständig wechselnde Verkleidungen, damit er sich entwischen kann. (Da er beim Davonlaufen vor sich selbst sich freilich überallhin mitnimmt, muß er versuchen, schneller vor sich davonzulaufen.) 

Wer sich über Äußeres definieren muß, wird nach Äußerem suchen. Haider ist ein Getriebener. Weil er nicht er selber sein kann, nichts (wörtlich:) aus sich machen kann, ist er wehrlos völlig dem ausgeliefert, was es schon gibt. Weil er nur am falschen Orte suchen kann, kann er nie etwas Neues finden können. Die hundert Sachen, mit denen Haider auf der Flucht vor sich selber durch die politische Landschaft hetzt, bald da, bald dort nach einem Fetzen grapschend, der ihn herausputzen soll, sind hundert gestohlene Sachen.