Der Weise, der Narr und der Sklave

Aus Anlaß des 50. Todestages des großen chinesischen Schriftstellers (1881 - 1936)

Ein Sklave hatte nichts anderes im Kopf, als nach Leuten Ausschau zu halten, denen er sein Leid klagen konnte. Das war alles, was er tun konnte und wollte. Eines Tages begegnete er einem Weisen.

„Oh, gnädiger Herr!“ rief er kläglich, und Tränen strömten ihm über die Wangen. „Ich führe wirklich ein Hundeleben. Manchmal habe ich nicht eine einzige Mahlzeit den ganzen Tag, und wenn, dann sind es Kauliangspelzen, die nicht einmal die Schweine fressen mögen. Und selbst davon bekomme ich nur eine kleine Schale voll ...“

„Du bist wirklich zu bemitleiden“, stimmte ihm der Weise mit bekümmerter Miene zu.

„Nicht wahr!“ Seine Stimmung stieg. „Dabei arbeite ich von morgens bis abends in einem durch. Bei Sonnenaufgang muß ich Wasser holen, bei Sonnenuntergang das Essen zubereiten; vormittags mache ich Botengänge und am späten Abend mahle ich Weizen; bei gutem Wetter wasche ich die Wäsche, bei Regenwetter halte ich den Schirm über meinen Herrn; im Winter heize ich die Öfen, im Sommer fächle ich mit dem Fächer; um Mitternacht noch muß ich Edelpilze zubereiten und meinem Herrn bei seinen Spielgelagen aufwarten; und niemals gibt es ein Trinkgeld, des öfteren aber den Lederriemen ...“

„O Himmel ...“ seufzte der Weise, und seine Augenränder röteten sich ein wenig, als wollten ihm die Tränen kommen.

„Gnädiger Herr! Dieses Leben halte ich nicht mehr aus. Ich muß einen Ausweg finden — aber was soll ich nur tun?“

„Ich bin sicher, deine Lage wird sich bessern ...“

„Glaubt Ihr? Ich hoffe es wirklich. Doch jetzt, nachdem ich Euch von meinen Sorgen erzählt habe, und Ihr mir so teilnahmsvoll zugehört und mich ermutigt habt, ist mir schon viel leichter ums Herz. Es gibt eben doch noch Gerechtigkeit auf dieser Welt ...“

Aber schon wenige Tage später war der Sklave von neuem unzufrieden und suchte jemanden, dem er sein Leid klagen konnte.

„Gnädiger Herr!“ rief er tränenüberströmt. „Meine Behausung, wißt Ihr, ist schlimmer als ein Schweinestall. Mein Herr behandelt mich nicht wie einen Menschen; seinen Hund behandelt er tausendmal besser ...“

„Zum Teufel mit ihm!“ fluchte der andere so laut, daß der Sklave erschrocken zusammenfuhr. Dieser Mensch war ein Narr.

„Gnädiger Herr! Ich hause in einer verfallenen Hütte, die feucht und dunkel und voller Wanzen ist. Sobald ich mich niederlege, fallen sie über mich her. Es stinkt entsetzlich, und die Hütte hat nicht ein einziges Fenster ...“

„Kannst du nicht wenigstens deinen Herrn bitten, daß er dir ein Fenster einsetzen läßt?“

„Wie sollte ich!“

„Nun, dann laß uns die Sache einmal anschauen!“

Der Narr begleitete den Sklaven in dessen Hütte und begann ohne lange Umstände auf die Mauer einzuschlagen.

„Was tut Ihr da, Herr?“ Der Sklave war zu Tode erschrocken.

„Ich schlage dir eine Fensteröffnung hinein.“

„Aber so geht das nicht! Mein Herr wird toben!“

„So laß ihn toben!“ Der Narr fuhr fort, auf die Mauer einzuschlagen.

„Hilfe! Hilfe! Ein Räuber reißt das Haus ein. Kommt schnell, die Mauer stürzt gleich ein!“ jammerte der Sklave und wand sich, wie von Krämpfen befallen, auf dem Boden.

Die anderen Sklaven rannten herbei und jagten den Narren fort.

Durch den Lärm aufmerksam geworden, kam als letzter gemächlich der Herr daher.

„Ein Räuber wollte unser Haus einreißen. Ich war der erste, der Alarm schlug, und gemeinsam haben wir ihn vertrieben.“ Der Sklave sprach ehrerbietig, aber siegesbewußt.

„Das hast du gut gemacht!“ äußerte sich der Herr anerkennend.

Viele Leute suchten an diesem Tag den Sklaven auf, um sich nach ihm zu erkundigen. Unter ihnen war auch der Weise.

„Gnädiger Herr! Ich habe mich nützlich gemacht, und mein Herr hat mich gelobt. Als Ihr neulich sagtet, meine Lage würde sich bessern, habt ihr wirklich kluge Voraussicht bewiesen ...“ sagte der Sklave hoffnungsvoll und glücklich.

„Ja, das stimmt!“ antwortete der Weise und machte ein Gesicht, als freute er sich für ihn.

26. Dezember 1925
(Entnommen dem Prosabändchen „Wilde Gräser“, dt. Ausgabe Peking 1978)